Bild © Henri Boussel, 6. Mai 1945 National Archives, USHMM

Vernichtung durch Arbeit:

Die Hölle von Mauthausen

Hitler war tot, die Schlacht um Wien geschlagen und die SS bereits geflohen, als das KZ Mauthausen in Oberösterreich als letztes Vernichtungslager des Naziregimes am 5. Mai 1945 von der US-Armee befreit wurde. Die amerikanischen Soldaten fanden tausende Häftlinge vor, nur noch Haut und Knochen und in katastrophalem gesundheitlichem Zustand. Sie hatten die Hölle von Mauthausen überlebt. Rund 100.000 weitere nicht.

Tötungsmaschinerie Mauthausen

Mauthausen war das größte Konzentrationslager auf dem Gebiet des heutigen Österreich. Rund 200.000 Menschen wurden dort gefangen gehalten. Etwa die Hälfte davon überlebte die Vernichtungsmaschinerie nicht. 

Wer die Gedenkstätte, die heute dort angesiedelt ist, besucht, kann sich diese Zahlen nur schwer vorstellen. Denn neben dem erhaltenen Bereich gab es zahlreiche Außenlager. Und auch Mauthausen, von dem im Vergleich viel an Bausubstanz im Originalzustand bewahrt wurde, gleich heute nicht mehr genau jenem Lager, das im Mai 1945 befreit wurde.


Vorbereitungen auf den Massenmord

Nach ihrer Machtübernahme verloren die Nationalsozialisten keine Zeit: Nur wenige Tage nach dem "Anschluss"  Österreichs an das Deutsche Reich, im April 1938, begann die SS Verhandlungen wegen des Erwerbs von Grundstücken in Mauthausen. Nahe der oberösterreichischen Kleinstadt wurde das spätere Hauptlager errichtet. Die ersten Gefangenen trafen bereits am 8. August aus dem Konzentrationslager Dachau ein.

Mit Mauthausen wollte die SS ein spezielles Männerlager für den österreichischen Raum errichten und gleichzeitig größere Haftraumkapazitäten für den geplanten Krieg schaffen. Auf Mauthausen als Standort fiel die Wahl, weil sich dort Granitsteinbrüche befanden. In den Steinbrüchen wurden KZ-Häftlinge als billige Arbeitskräfte eingesetzt. →

 




Für die SS erfüllte das Konzentrationslager zwei Funktionen: "die Bekämpfung des politisch-ideologischen Gegners, indem man ihn einsperrte, folterte und tötete, und damit auch nach außen hin Schrecken verbreitete, und die maximale Ausbeutung seiner Arbeitskraft. Bis zum Jahr 1943 stand die Vernichtung des "Gegners" jedoch immer im Vordergrund", heißt es auf der Seite der Gedenkstätte Mauthausen.

Filmhinweis: "Rückkehr unerwünscht" - Dokumentationsfilm des BMI: zur Online-Vollversion
 
Bild © AP/ Lynn Heinzerling

"...und wir betraten durch ein Tor eine neue Hölle ..." (Jósef Scislo, in: "Die Welt muss richten", 1969)

Der Tod als ständiger Begleiter

Bis 1943 war Mauthausen ein reines Vernichtungslager. Es wurde - vorerst als einziges KZ - als Lager der Stufe III mit den härtesten Haftbedingungen klassifiziert. Häftlinge lebten in der ständigen Angst vor dem Tod. Sie wurden erschossen, erschlagen, erhängt, Kranke ließ man erfrieren, verhungern oder tötete sie durch Herzinjektionen oder Giftgas. 

Selbst die Deutschen nannten dieses Lager „Mordhausen“, aufgrund der hohen Menschenanzahl, die dort umkam. Allein der Steinbruch vergrößerte die Sterblichkeit enorm. Man kann guten Gewissens behaupten, dass es ein internationales Todeslager war, in dem außer Polen noch Russen, Spanier, Tschechen, Italiener, Jugoslawen, Ungarn, Holländer, Deutsche und sogar Engländer und einige amerikanische Staatsbürger waren ...“

Józef Jablonski, ehemaliger Häftling des KZ Mauthausen

Besonders schlimm traf es Juden, Roma und Sinti. Aber auch Tschechen, Russen, republikanische Spanier sowie arbeitsunfähige und kranke Gefangene wurden ermordet.

Viele Häftlinge wurden im Steinbruch über die "Todesstiege" gestoßen, fielen grausamen medizinischen Versuchen oder der Gewalt der Aufseher zum Opfer, etliche starben an Hunger, Krankheiten und Erschöpfung.

Seit 1941 war eine Gaskammer Teil der Tötungsmaschinerie. Die Leichen wurden in eigenen Krematorien verbrannt, vorher nahm man ihnen noch alles Wertvolle ab, sogar das Gold aus den Zähnen.

Ein amerikanischer Soldat begutachtet - kurz nach der Befreiung von Mauthausen - eines der Krematorien. Foto: USHMM

Die "Todesstiege"

Über die berüchtigte "Todesstiege" zwischen dem Steinbruch "Wiener Graben" und dem KZ schleppten Häftlinge des Steinbruch-Arbeitskommandos mehrmals täglich Granitblöcke über die 186 steilen Stufen der Stiege 31 Meter nach oben. Sie war Ort zahlreicher Morde, begangen von Angehörigen der SS oder Kapos. →

 


 Ein Foto, aufgenommen von der SS, zeigt KZ-Häftlinge beim Tragen von Granitblöcken über die "Todesstiege". Quelle: Fotoarchiv der KZ-Gedenkstätte Mauthausen

Auf einer Inschrift am Fuße der "Todesstiege" ist zu lesen:

"Ihre heute gleichmäßigen und normal hohen Stufen waren zur Zeit des Konzentrationslagers willkürlich aneinandergereihte, ungleich große Felsbrocken der verschiedensten Formen. Die oft einen halben Meter hohen Felsbrocken erforderten beim Steigen größte Kraftanstrengung. Die SS vergnügte sich unter anderem damit, die letzten Reihen einer abwärts gehenden Kolonne durch Fußtritte und Kolbenhiebe zum Ausgleiten zu bringen, sodass sie im Sturze, ihre Vordermänner mitreißend, in einem wüsten Haufen die Stufen hinunterkollerten. Am Ende eines Arbeitstages, wenn der Aufmarsch ins Lager mit einem Stein auf der Schulter begann, trieben die den Abschluss bildenden SS-Leute Nachzügler mit Schlägen und Tritten an. Wer nicht mitkonnte, endete auf dieser Todesstiege."

Foto: APA


Die "Fallschirmspringerwand"

"Fallschirmspringerwand" wurde sie im Lagerjargon genannt. Gemeint ist jene steile Wand des Steinbruchs zwischen Zufahrtsstraße und "Todesstiege". Immer wieder kam es vor, dass Wachmannschaften Häftlinge über die Steinbruchkante in den Tod stießen. Die so ermordeten Häftlinge nannten die Nazis zynisch "Fallschirmspringer". 

 
Bild © APA

In den ersten Jahren wurden die Häftlinge in Mauthausen und dem nahegelegenen Lager Gusen in St. Georgen gezwungen, beim Lageraufbau und in den Steinbrüchen zu arbeiten.

Häftlinge im Steinbruch. Foto: AP/ USHMM
 

Doch je länger der Krieg dauerte, umso mehr Häftlinge wurden in den Außenlagern als Arbeitssklaven, etwa für die Rüstungsindustrie, eingesetzt.

So dehnte sich die Anlage rasch aus, neben dem Hauptlager und dem Lager in Gusen entstanden etliche Außenlager. Bei ihrer Befreiung durch amerikanische Soldaten am 5. Mai umfasste die Anlage mehr als 40 Außenlager, die über das gesamte Gebiet des heutigen Österreich verteilt waren.

Tödliche Kooperation: Schloss Hartheim 

Die "Zentrale" in Mauthausen entwickelte sich immer mehr zu einem Sterbelager für Gefangene, die zu schwach für die schweren Tätigkeiten waren. Im Rahmen der "Aktion 14f13" transportierte man insgesamt 4.841 kranke und politisch unerwünschte Häftlinge des KZ Mauthausen und des Außenlagers Gusen in die Euthanasieanstalt Hartheim, wo sie vergast wurden. Offiziell gingen die Transporte in das "Häftlingssanatorium Dachau", eine Tarnbezeichnung für Hartheim, das auch "Erholungsheim" oder "Erholungslager" genannt wurde.

 

Die "Mühlviertler Hasenjagd"

Am 2. Februar 1945, um 0.50 Uhr, wagten rund 500 Häftlinge, fast ausnahmslos sowjetische Offiziere, einen Ausbruchsversuch - den größten in der Geschichte aller NS-Konzentrationslager. Und er sollte in einer beispiellosen Menschenhetze und einem Blutbad enden. Bis auf elf Häftlinge wurden alle Geflüchteten ergriffen und meist an Ort und Stelle erschlagen oder erschossen. 

Die mörderische Treibjagd auf die Entflohenen, zynisch von der SS als "Mühlviertler Hasenjagd" bezeichnet, dauerte insgesamt drei Wochen. An der "Großfahndung" nahmen alle Angehörigen der SS-Kommandanturstabes, die Gendarmerie, Einheiten der Wehrmacht, SA-Abteilungen und Hitlerjugend-Gruppen teil, später auch Angehörige des Volkssturms, der Feuerwehr und Teile der Bevölkerung.

"Alle sind umzulegen"

Den Sicherheitskräften und der Bevölkerung in der Umgebung wurde mitgeteilt, es seien 500 "Schwerverbrecher" aus dem KZ ausgebrochen, die eine große Gefahr darstellten. Sie müssten sofort "unschädlich" gemacht werden. "Niemand soll gefangen werden, alle sind sofort umzulegen", lautete der Befehl.  

"Die Leichen blieben liegen, wohin sie fielen"

Johann Kohout, langjähriger Kommandant des Gendarmeriepostens Schwertberg, berichtete später: "Die Straße von Mauthausen war bereits vom Volkssturm besetzt. Die Leute waren wie bei einer Treibjagd aufgestellt. Es ging sehr wüst zu. Geschossen wurde auf alles, was sich rührte. [...] Der Schneematsch auf der Straße färbte sich mit dem Blut der Erschossenen. Überall, wie und wo man sie antraf, in den Wohnungen, Wagenhütten, im Kuhstall, am Heuboden, im Keller, wenn man sie nicht herausholte und beim nächsten Hauseck erledigte, erschoss man sie auf der Stelle, egal wer anwesend war [...] einigen spaltete man das Haupt mit einem Beil. [...] Die Leichen bliegen liegen, wohin sie fielen. [...] Die Gedärme und Geschlechtsteile lagen offen zur Schau." [...] 

Neben denen, die mitmachten, gab es jedoch auch Mühlviertler, die hinschauten und zivilen Mut bewiesen. Trotz großer Gefahr halfen sie den fliehenden Häftlingen und versteckten sie zum Teil monatelang. Andere Häftlinge überlebten, in dem sie sich bis Kriegsende in den Wäldern versteckt hielten.

 
Bild © USHMM/ Mauthausen Memorial

"Ich verschaffte mir aber sofort eine Waffe, schlief noch eine Nacht im Lager und am Tag darauf ging ich in die Welt hinaus ..." (Piotr Weselucha)

Wenige Tage vor Kriegsende: Die SS ergreift die Flucht, Mauthausen ist frei

Als immer klarer wurde, dass der Krieg verloren war, bereitete sich die SS in den letzten Wochen vor der Befreiung des KZ darauf vor, die Spuren ihres Massenmordes zu verwischen. Die Häftlinge mussten befürchten, noch kurz vor dem Eintreffen der amerikanischen Truppen liquidiert zu werden. Denn in den Gaskammern wurde bis kurz vor der Befreiung weitergemordet.

So wurden im Zuge der "Säuberungsaktionen" allein zwischen dem 21.  und dem 25. April 1945 650 Häftlinge in den Gaskammern erstickt. Für den Fall einer Massenliquidierung versuchten sich die Häftlinge zu rüsten und bereiteten einen bewaffneten Widerstand vor.

Drei Tage vor dem Einmarsch der US-Armee ermordete die SS noch acht Häftlinge des Gusener und drei Häftlinge des Mauthausener Krematorium-Kommandos. Die Geheimnisträger sollten ihr Wissen über den Massenmord mit ins Grab nehmen.

Massengrab in Mauthausen, aufgenommen von US-Soldaten in den Tagen nach der Befreiung des KZ. Quelle: United States Holocaust Memorial Museum (USHMM)

Am 3. Mai fand in Mauthausen der letzte Morgenappell statt. Bei der letzten Gesamterfassung wurden im KZ Mauthausen und seinen Außenlagern insgesamt 66.124 Häftlinge registriert.

Anschließend ergriffen die Angehörigen des SS-Kommandanturstabes und die SS-Wachmannschaften die Flucht. Die Bewachung der Häftlinge übernahm die aus Wien evakuierte Feuerschutzpolizei. Am 5. Mai trafen erstmals Einheiten der US-Armee in Mauthausen ein. Bewaffnete Häftlingseinheiten übernahmen die Kontrolle über das gesamte Lager. Zwei Tage später rückte die 11. Panzerdivision der 3. US-Armee in das Lager ein. →

 



Wie der Überlebende Pierre Serge Choumoff später berichtete, wurde die Ankunft der ersten US-Truppen am 6. Mai auf Befehl von General Eisenhower erneut inszeniert und fotografiert. Ein Banner, das über dem Lagertor aufgespannt wurde, trägt die Aufschrift "Die Spanischen Antifaschisten grüßen die Befreiungsmächte":

Quelle: National Archives, United States Holocaust Memorial Museum; Henri Boussel, 6. Mai 1945

Große Teile des Lagers wurden von den Alliierten unter anderem wegen der Seuchengefahr niedergebrannt.

Seit 1949 ist der Kernbereich des ehemaligen Massenvernichtungslagers eine Gedenkstätte. Eine Dauerausstellung mit dem Titel "Das Konzentrationslager Mauthausen 1938 - 1945" erzählt die Geschichte des KZ, von der Ankunft der ersten Häftlinge bis zur Befreiung.

Zum Katalog der Ausstellung | Mauthausen-Memorial: die KZ-Gedenkstätte im Internet

Wie die Außenlager Linz II und III, Gunskirchen, Lenzing und Steyr wurde auch Gusen am 5. Mai von amerikanischen Truppen befreit, einen Tag später das Lager Ebensee. In Gusen befreiten US-Soldaten mehr als 20.000 KZ-Häftlinge. Zum Zeitpunkt der Befreiung des selbst in Österreich weniger bekannten Konzentrationslagers waren demnach mehr Menschen als im Hautplager interniert.

Rund 75.000 Menschen waren insgesamt hierher deportiert worden, mehr als die Hälfte von ihnen fand in Gusen den Tod. Auf die Existenz eines Lagers dieses Ausmaßes deuten heute nur wenige Überreste hin. ■

Gusen-Memorial: die KZ-Gedenkstätte Gusen

Literaturhinweise:
Robert Abzug: "Inside the Vicious Heart. Americans and the Liberation of Nazi Concentration Camps", 1985
Alphons Matt: "Einer aus dem Dunkel. Die Befreiung de Konzentrationslagers Mauthausen durch den Bankbeamten H., 1988
Marek Orski: The last days of the Mauthausen-Gusen Camp, 2005
 
Bild © AP
 
 

Verfolgung der Täter

Viele für die Gräuel in Mauthausen verantwortliche NS-Täter entzogen sich durch Flucht oder Selbstmord der Gerichtsbarkeit. Nicht so im Fall des ehemaligen Lagerkommandanten Franz Ziereis, der im Mai 1945 von amerikanischen Soldaten aufgestöbert und erschossen wurde.

Undatiertes Foto von SS-Lagerkommandant Franz Ziereis. Quelle: USHMM

In einem US-Militärprozess in Dachau mussten sich 1946 insgesamt 61 Personen verantworten. 

 





Dieser so genannte "zweite Dachauer Prozess" endete mit 61 Schuldsprüchen. Der Großteil, unter ihnen der ehemalige Gauleiter von Oberdonau August Eigruber oder der "Heizer" des Krematoriums von Hartheim, Vinzen Nohel, wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet, die übrigen bekamen lebenslange Haftstrafen. 

Unbekannt ist, gegen wie viele Personen insgesamt Verfahren wegen der Verbrechen in Mauthausen eingeleitet worden waren. 

 

Die lange Jagd nach "Dr. Tod"

Wegen seiner Grausamkeit und seiner perfiden Tötungsarten wurde er "Dr. Tod" genannt: Dr. Aribert Heim. Er stammte aus Bad Radkersburg, war während des Zweiten Weltkrieges KZ-Arzt in Mauthausen und lange Zeit einer der meist gesuchten NS-Verbrecher. Gefunden wurde er nach seiner Flucht aus Deutschland nie.

Im Jahr 2012 fand eine jahrzehntelange Jagd auf einen der grausamsten Nazi-Kriegsverbrecher ein amtliches Ende: Heim wurde offiziell für tot erklärt. Gestorben war er jedoch bereits 1992 in Kairo. Neue Unterlagen aus Ägypten sowie biologische, chemische und physikalische Untersuchungen brachten Klarheit.

Die schleppende Suche nach den Tätern

Schleppend und bisweilen unwillig wurde kurz nach dem Krieg nach Kriegsverbrechern gesucht. Damals, als die Erinnerung noch präsent war und viele der Opfer - und der Täter - noch lebten. So auch im Fall von "Dr. Tod", der in Mauthausen nicht nur gesunde Menschen operiert, sondern Juden auch mittels Benzininjektionen ins Herz umgebracht haben soll. Eine "Stunde Null", die keine war. So führt auch das Buch der beiden Journalisten Nicholas Kulish und Souad Mekhennet, "Dr. Tod. Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher", das schwankende Interesse der Gesellschaft in Deutschland wie in Österreich an der Nazi-Verfolgung vor Augen.  Nach dem Krieg wollte man nicht viel davon wissen. 

Eine Wende im Bewusstsein brachte unter anderem die Ausstrahlung des amerikanischen TV-Vierteilers "Holocaust" Ende der 1970er. Fast schien es, als hätte der Eifer, Kriegsverbrecher zur Rechenschaft zu ziehen zugenommen, je länger der Krieg zurück lag. 

Quelle: EPA/ ZDF

Heim: Aus Gewahrsam der Alliierten entlassen

Unmittelbar nach dem Krieg befand sich Heim zwar als früherer SS-Angehöriger im Gewahrsam der Alliierten, wurde aber entlassen und lebte dann unbehelligt mit seiner Frau und zwei Söhnen als Arzt in Baden-Baden im deutschen Bundesland Baden-Württemberg. 

Gewarnt, geflohen, zum Islam konvertiert

1962 wurde er, wie viele andere Nazi-Größen auch, vor drohenden Nachforschungen gewarnt und konnte sich so gerade noch rechtzeitig absetzen. Heim war Anfang 1963 unter seinem zweiten Vornamen Ferdinand mit einem Touristenvisum in Ägypten eingereist. Dort dürfte er sich über Jahre hinweg unter dem Namen Ferdinand Heim in Kairo verborgen gehalten haben. Schließlich konvertierte er zum Islam und lebte bis zu seinem Tod unter dem Namen Tarek Hussein Farid in der ägyptischen Hauptstadt. Seine Schwester schickte ihm Geld, sein jüngerer Sohn besuchte ihn regelmäßig.

Simon Wiesenthal und ein deutscher Kriminalbeamter hatten es sich zur Lebensaufgabe gemacht, "Dr. Tod" zu finden. Doch es gelang ihnen nicht. Heim, der später von der finanziellen Unterstützung aus Deutschland abgeschnitten war und in einem ärmlichen Hotelzimmer in Kairo lebte, erkrankte an Krebs und starb dort vermutlich 1992. Seine Jäger hatten ihn in all der Zeit überall anderswo auf der Welt vermutet.

Staubige Aktentasche führt zu verstorbenem KZ-Arzt

Das Landgericht Baden-Baden hatte das Strafverfahren wegen mehrfachen Mordes gegen den lange gesuchten KZ-Arzt im September 2012 eingestellt und hegte keine Zweifel daran, dass Heim mit Farid identisch und bereits im Jahr 1992 verstorben war.

Letztlich hat eine staubige Aktentasche in Kairo, in der der ehemalige KZ-Arzt ihm wichtige Dokumente und Schriftstücke aufbewahrte, die Autoren Souad Mekhennet und Nicholas Kulish mehr als eineinhalb Jahrzehnte nach seinem Tod an seinen tatsächlichen Aufenthaltsort geführt. Weder seine einstigen Opfer noch seine Jäger lebten zu diesem Zeitpunkt noch.

Auf Heims Spur gekommen, waren der ZDF und die "New York Times" im Zuge einer gemeinsamen Recherche. Über einen Mittelsmann wurden dem Landeskriminalamt Baden-Württemberg schließlich Unterlagen über den angeblich toten Nazi-Verbrecher zugespielt. Die Unterlagen bewerten die LKA-Fahnder als echt.  

Auch wenn Heim nicht gefasst und zur Verantwortung gezogen werden konnte, so vermittelt gerade das Buch von Kulish und Mekhennet doch, dass er seines Schicksals wohl nicht mehr froh wurde: Heim nahm einen anderen Namen, eine andere Identität an und trat zum Islam über, lebte aber in ständiger Sorge, entdeckt zu werden. Besonders nachdem der Endlösungsideologe Adolf Eichmann in Südamerika aufgespürt worden war, musste seine ständige Angst vor Entdeckung gewachsen sein. Jahrzehntelang konnte er seine Familie, seine Heimat nicht mehr sehen, den Beruf nicht ausüben. So lebte er ein Leben wie in einem Gefängnis. Zuletzt starb er laut Angaben seines Sohnes qualvoll in einem dürftigen Hotelzimmer. Erstaunlich ist und bleibt, dass Heim sich offenbar für unschuldig hielt. ■

Literaturhinweis: Souad Mekhennet, Nicholas Kulish: "Dr. Tod - Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher", aus dem Englischen von Rita Seuß, Verlag C.H.Beck, München, 2015. 352 Seiten. ISBN 978-3-406-67261-3. Auch als E-Book erhältlich
 
Bild © BMI/ Archiv des Öffentlichen Denkmals/ USHMM


Die Logistik hinter der Vernichtung: Verwaltungsalltag in Mauthausen

27. Februar 1943: Das Konzentrationslager Mauthausen bekommt 16.213 Unterhosen aus der "Altbekleidung Ost" zugewiesen. Das notierte der Verwaltungsführer des Lagers penibel in seinem Logbuch. Hinter dieser kurzen und nüchternen Eintragung verberge sich jedoch die "Monstrosität des Geschehens im Verwaltungsalltag", erklärte Bertrand Perz, Zeithistoriker an der Universität Wien, im Gespräch mit der APA. Perz hat den Verwaltungsführerbericht des Lagers aufgearbeitet und mit Hintergrundinformationen versehen. 

Wie monströs dieser kurze Eintrag tatsächlich ist, zeigt die Geschichte dahinter: Die SS verfügte wegen rapide steigender Häftlingszahlen und kriegsbedingten Mangelerscheinungen nicht mehr über ausreichend Bekleidung für die Gefangenen. Daher wurde auf die "Altbekleidung Ost" zurückgegriffen, Kleidung ermordeter Juden aus den NS-Vernichtungslagern in Polen.

Lebensmittelbestellungen, Angorahasenzucht, Distribution von Kleidung und Kassaführung, aber eben auch der Ankauf des Giftgases Zyklon B: Die Verwaltung des KZ Mauthausen habe sich nicht grundsätzlich von modernen Verwaltungen unterschieden, so Perz. "Für den Betrieb moderner Lager war eine Verwaltung Voraussetzung, die moderne bürokratische Techniken beherrschte", meinte der Zeithistoriker. Tatsächlich seien die Verwaltungsführer meist Leute mit kaufmännischer Ausbildung oder Buchhalterkenntnissen gewesen, sie mussten Angebote einholen, Magazine verwalten und Verträge aushandeln.

Quelle: Jerzy Kazmirkiewicz, Enkel von KZ-Häftling Georg Kazmirkiewicz; wikimedia

Egal ob Gläsereinkauf oder der Besuch eines hochrangigen SS-Funktionärs wie Ernst Kaltenbrunner, penibel wurde jedes Vorkommnis vermerkt.

Am 7. Mai 1942, dem Tag, an dem Kaltenbrunner das Lager besuchte, seien etwa auch 70 Häftlinge erschossen → 

 

worden. Darüber schweigt der Bericht. 

Die Anzahl der Besuche in den über 400 Eintragungen ist jedoch groß, hier sei Proponenten des Regimes die nationalsozialistische Verwaltungs- und Ordnungspolitik vorgeführt worden, meinte der Historiker.

"Abends kehrten wir zurück von der Arbeit, die Glieder mit Zementpapier umhüllt, neben und hinter uns die SS-Leute mit ihren Schäferhunden, die sofort da waren, wenn einer zusammenbrach, und ihn mit scharfem Laut anhetzten. Wer nicht mehr aufstehen konnte, den töteten die SS-Männer auf der Stelle per Genickschuss. Sie notierten bloß seine Nummer, sein Name kümmerte niemanden. Wir anderen Häftlinge mussten ihn ins Lager zurückbringen, wo seine Nummer von den Buchhaltern des Todes festgehalten wurde; auf Genauigkeit legten sie Wert bis zum Schluss."

Leon Zelman, "Ein Leben nach dem Überleben", S. 106

Die Vermerke erstrecken sich über die Jahre 1941-44, es ist der einzige erhalten gebliebene Verwaltungsführerbericht eines Konzentrationslagers. "In den Erzählungen von Überlebenden finden sich kaum Hinweise auf Verwaltungsführer oder generell die Verwaltung in den Lagern, da sie in der Regel keine direkte Gewalt ausübten", erklärte Perz. Auch deshalb sei dieser Aspekt in der Geschichtsforschung lange nicht beleuchtet worden, auch wenn der Verwaltungsapparat bei Weitem nicht klein gewesen sei. Vom Ankauf von Hitlerbildern bis zur Gebäudeverwaltung waren bis zu 50 Personen, sowohl Zivilangestellte als auch SS-Männer, beschäftigt. Der aufgearbeitete Bericht ermögliche nun einerseits einen Blick auf die weniger beachtete "Täterperspektive" und liefere andererseits ansonsten unzugängliche Informationen.

Der Verwaltungsführer sei auf der Ebene des Lagers eine ganz zentrale Person gewesen, "deren Handeln auch direkt über die Lebens- und Existenzbedingungen der Häftlinge entschied", so der Historiker. Er verfügte über eine Riesenlogistik im Hintergrund, für Zehntausende Häftlinge und mehre tausend SS-Angehörige gab es etwa Halbjahresanlieferungen von vier Millionen Kilogramm Kartoffeln, über deren Verteilung letztlich die Verwaltung entschied. Hier gab es im Rahmen des Lagers große Handlungsspielräume. Es zeige sich auch besonders deutlich die Erbarmungslosigkeit der Verwaltung sowie der direkte Einfluss auf das Überleben jedes Einzelnen, erklärte Perz. Obwohl in den letzten sechs Monaten vor Kriegsende etwa 40.000 Häftlinge in Mauthausen und seinen Außenlagern an Hunger und Folgekrankheiten starben, wurde bei der Befreiung des Lagers ein Kartoffelvorrat für mehrere weitere Monate entdeckt. ■

Literaturhinweis: Bertrand Perz: "Verwaltete Gewalt", Mauthausen-Studien, Schriftenreihe der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, Band 8, 308 Seiten
 
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"Ich will an die Leichenberge erinnern, an die toten Menschen. Es waren Unzählige." (Eva Lukash)