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70 Jahre Befreiung von Auschwitz

Auschwitz. Dieser Name steht heute für Terror, Elend und Massenmord und wurde zum Synonym für den Holocaust. Mehr als 1,1 Millionen Menschen ermordeten die Nazis im größten ihrer Konzentrationslager. Am 27. Jänner 1945 wurde die Todesfabrik von der Roten Armee befreit.

Auschwitz/ Oswiecim. Als die ersten sowjetischen Soldaten am Nachmittag des 27. Jänner 1945 Auschwitz erreichten, bot sich ihnen ein Anblick des Grauens. Hinter Stacheldraht fanden sie etliche Leichen und wenige Überlebende. Nur rund 7.000 Häftlinge, darunter etwa 600 Kinder, erlebten die Befreiung des größten Konzentrations- und Vernichtungslagers der Nazis. Innerhalb von viereinhalb Jahren waren mehr als 1,1 Mio. Menschen ermordet worden.

Die Soldaten einer Einheit der 60. Armee der 1. Ukrainischen Front, die über das Ziel ihres Vorstoßes in diesen Wintertagen nicht informiert waren, waren völlig schockiert von dem Anblick der ausgemergelten Gestalten, der sich ihnen bot. Von jahrelanger Hungersnot und Zwangsarbeit gezeichnet, überlebten viele von ihnen die Nacht nach der Befreiung nicht und starben trotz medizinischer Hilfe auch noch in den folgenden Tagen. 

SS-Wachen hatten die rund 7.000 für den später sogenannten Todesmarsch bereits zu entkräfteten Häftlinge zurückgelassen, als sie gut eine Woche zuvor mit etwa 56.000 Häftlingen aus Auschwitz und den umliegenden Nebenlagern Richtung Westen aufgebrochen waren.

Die SS hatte noch versucht, ihre Spuren zu verwischen. Verbrennungsöfen waren bereits abmontiert, Krematorien gesprengt, Lager mit der geraubten Habe der Häftlinge abgebrannt worden. Angesichts des schnellen Vorrückens der Alliierten im Januar 1945 fehlte den Nazis schlicht und ergreifend die Zeit, um alle Spuren zu beseitigen.

 

So fanden die Befreier nicht nur die Überlebenden, die von der Hölle berichten konnten, durch die sie in den vergangenen Jahren gegangen waren. Sie fanden die Leichen der kurz vor dem Aufbruch der SS getöteten Häftlinge, die Asche der Ermordeten in den Ruinen, den Inhalt der Lagerhäuser mit dem gestohlenen Hab und Gut der Opfer: 348.830 Herrenanzüge, 836.255 Frauenkleider, 13.964 Teppiche, sieben Tonnen Haare, zehntausende Paare von Schuhen und unglaubliche Mengen an Brillen, Gebissen und vielem mehr.


Ebenso wie die Listen der Lagerbürokratie mit den Nummern der Häftlinge ließen die Kleider der Toten eine Ahnung vom Ausmaß des Massenmordes aufkommen.

 
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Der Komplex Auschwitz-Birkenau war das größte nationalsozialistische Vernichtungslager, zu Kriegsende umfasste er über 40 Quadratkilometer und 48 Nebenlager. Das spätere Stammlager (Auschwitz I) war im Juni 1940 auf Befehl von SS-Chef Heinrich Himmler auf dem Gebiet einer ehemaligen Artilleriekaserne der österreichisch-ungarischen Monarchie in der Stadt Oswiecim im besetzten Polen errichtet worden.

Ursprünglich war das Lager als Verbannungsort für Polen gedacht, die sich der deutschen Besatzungsmacht widersetzten. Der erste Transport mit 728 politischen Häftlingen kam am 14. Juni 1940 in Auschwitz an.

Auschwitz wird zur Todesfabrik

Im dritten Kriegsjahr bestimmten die Nazis Auschwitz zum Ort des Völkermords an den europäischen Juden. Im März 1941 wurde entschieden, im benachbarten Dorf Birkenau (Brzezinka) das Vernichtungslager Auschwitz II zu bauen. Bereits im September 1941 wurde erstmals das Gas Zyklon B zur Tötung der Opfer eingesetzt. Dabei erstickten 600 sowjetische Kriegsgefangene qualvoll.

1942 begann die "Endlösung der Judenfrage", in Birkenau entstand die größte Todesfabrik des Dritten Reiches. Die Nazis begannen, Juden in den Osten zu deportieren. Ausländische Behörden und Kollaborateure halfen ihnen dabei.

Ein grausamer Höhepunkt war 1944 erreicht, die vier Gaskammern und Krematorien waren Tag und Nacht in Betrieb.

"Nicht alle Opfer waren Juden, aber alle Juden waren Opfer"

Wie viele Menschen in Auschwitz-Birkenau wirklich den Tod fanden, wird sich vielleicht nie genau feststellen lassen. Ohne je mit einer Lagernummer registriert worden zu sein, waren Tausende von den Deportationszügen direkt in die Gaskammern geschickt worden.

Fest steht: Bis Kriegsende 1945 wurden in Auschwitz mindestens 1,1 Millionen Menschen vergast, zu Tode geprügelt, erschossen oder gingen an Krankheiten oder Hunger zugrunde.

Die Mehrheit der Ermordeten waren Juden aus den von Nazi-Deutschland besetzten Ländern Europas. Nicht alle Opfer des Nationalsozialismus waren Juden, aber alle Juden waren Opfer, stellte Elie Wiesel, Friedensnobelpreisträger und ehemaliger Auschwitz-Häftling, fest. Auch gut 70.000 nicht-jüdische Polen, 21.000 Sinti und Roma, 15.000 sowjetische Kriegsgefangene und Gefangene vieler anderer Nationen litten und starben im Lager.

Arbeitsfähige Häftlinge musste in den zahlreichen Nebenlagern Sklavenarbeit für die deutsche Kriegswirtschaft leisten, bei der sie oft nach kurzer Zeit starben. Alle anderen, besonders Alte, Kranke und Frauen mit Kindern, wurden sofort vergast. In Birkenau gab es ein eigenes Frauenlager und ein ab August 1944 zur Gänze liquidiertes Lager für Roma und Sinti.

 


 
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Der Todesmarsch

Im Zuge der Winteroffensive der Roten Armee 1944/45 verschlechterte sich die strategische Lage der Wehrmacht. Trotzdem wurde in Auschwitz weiter gemordet. Noch kurz vor ihrem Rückzug erschossen SS-Männer rund 600 Häftlinge. In den letzten Tagen vor der Befreiung - zwischen dem 17. und dem 23. Jänner - wurden noch rund 60.000 Häftlinge "evakuiert".

Bei den sogenannten Todesmärschen Richtung Westen erfroren mindestens 9.000 Menschen oder wurden erschossen. 

Die Gaskammern und Krematorien wurden zerstört, um keine Spuren zu hinterlassen. Foto: EPA
 

Auschwitz, Symbol des Holocaust

Am 2. Juni 1947, zwei Jahre nach der Befreiung, wurde im ehemaligen Vernichtungslager auf Beschluss des polnischen Parlaments eine Gedenkstätte als Mahnmal für künftige Generationen errichtet. Auschwitz wurde zum wichtigsten Symbol für den Holocaust.

Nach einem UN-Beschluss aus dem Jahr 2006 wird am 27. Jänner weltweit der Opfer des Holocaust gedacht. Österreich begeht diesen Gedenktag am 5. Mai, dem Tag der Befreiung des KZ Mauthausen.

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Auschwitz und die NS-Vernichtungslager: eine Chronologie

Kurz nach der Machtergreifung in Deutschland am 30. Jänner 1933 begannen die Nationalsozialisten mit dem Bau der ersten Konzentrationslager. In den folgenden Jahren wurde die SS in einem Reich des Terrors und des Rassenwahns zum Alleinherrscher. Eine Chronologie.
20. März 1933: SS-Chef Himmler lässt in Dachau das erste Konzentrationslager errichten, politische Gegner werden inhaftiert; die SA errichtet eine Reihe "wilder" KZs.
März 1935: Sieben Konzentrationslager mit 7.000 bis 9.000 Häftlingen.
15. September 1935: Hitler verkündet die Nürnberger Rassengesetze.
9. November 1938: Nach der sogenannten "Reichskristallnacht" werden rund 35.000 Juden vorübergehend in KZ zusammengetrieben, die Gesamthäftlingszahl steigt auf rund 60.000.
30. Jänner 1939: Hitler kündigt für den Fall eines Krieges "die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" an.
Juni 1940: Einrichtung des Stammlagers Auschwitz auf dem Gelände einer k.u.k. Artilleriekaserne.
15. November 1940: In Warschau wird das Ghetto eingerichtet.
23. September 1941: Erste Vergasungsversuche in Auschwitz.
Oktober 1941: Nach dem Angriff auf die Sowjetunion Errichtung des Lagers Birkenau.
Dezember 1941: Vernichtungslager Chelmno nimmt Betrieb auf, bis 1944 werden mindestens 152.000 Juden durch Motorenabgase ermordet
20. Jänner 1942: "Wannseekonferenz" über "Endlösung der Judenfrage".
16. März 1942: Vernichtungslager Belzec nimmt Betrieb auf, Hunderttausende Juden werden vergast; Beginn der "Aktion Reinhard".
Mai 1942: Vernichtungslager Sobibor nimmt Betrieb auf, bis Oktober 1943 werden mehr als 250.000 Juden vergast.
Juni 1942: Beginn der Massenvernichtung von Juden in Auschwitz mit Gas Zyklon B.
23. Juli 1942: Vernichtungslager Treblinka nimmt Betrieb auf, bis zu einem Häftlingsaufstand im Herbst 1943 werden bis zu 800.000 Juden ermordet.
Oktober 1942: Das Lager Majdanek wird mit Gaskammern ausgerüstet, weit über 200.000 Juden sterben, Zehntausende wurden vergast oder erschossen.
März 1943: Krematorien von Auschwitz nehmen Betrieb auf.
19. April 1943: Aufstand im Warschauer Ghetto
11. Juni 1943: SS-Chef Heinrich Himmler befiehlt die "Liquidierung" aller polnischen Ghettos
16. Mai 1944: Beginn der Massendeportation und -vernichtung der ungarischen Juden.
August 1944: "Liquidierung" des "Zigeunerlagers" von Auschwitz.
27. Jänner 1945: Befreiung von Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee; rund 7.500 Häftlinge sind noch im Lager.
April 1945: Die Briten erreichen Bergen-Belsen, die Amerikaner Dachau, die Sowjets Ravensbrück.
8. Mai 1945: Deutschland kapituliert bedingungslos.
 
 
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Das Auschwitz-Album: Bilder aus der Hölle

Das Auschwitz-Album bzw. Jacob-Album ist ein einzigartiges fotografisches Zeugnis, das die Ankunft ungarischer Häftlinge in Auschwitz-Birkenau, die Konfiszierung ihres Eigentums, die Selektion und den Weg ins Vernichtungslager dokumentiert. Es befindet sich heute in der Obhut der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem, der es von Lilly Jacob-Zelmanovic Meier überlassen wurde.

Bilderserie: Auszüge aus dem Auschwitz-Album

© Yad Vashem

Wie die Mehrheit der ungarischen Juden war auch Lilly Jacob im Alter von 18 Jahren zusammen mit ihrer Familie deportiert worden. Auf der "Rampe" in Auschwitz, dem Ankunftsbahnsteig in Birkenau, wurde sie von ihren Eltern und ihren jüngeren Brüdern getrennt. Sie sah keinen von ihnen je wieder.

Bei der Befreiung, inzwischen im KZ Dora-Mittelbau, fand Lilly etwas, das so nicht hätte existieren dürfen: Ein Fotoalbum, das die Selektion von Häftlingen zeigt, aufgenommen von der SS. Später wird es Auschwitz-Album genannt werden. Denn es enthält nicht nur das einzige fotografische Beweismaterial von der Ankunft von Juden in einem Konzentrationslager überhaupt. Auch wurden Häftlinge nur mit einer Nummer registriert, wenn diese als "arbeitsfähig" eingestuft wurden. Alle übrigen, insbesondere Alte, Kranke, Schwangere und Mütter mit Kindern, wurden sofort in die Gaskammern geschickt. Ihre Namen tauchen in keinen schriftlichen Dokumenten auf. Manche Namen aber bekommen so ein Gesicht und stehen damit stellvertretend für all jene Opfer des NS-Terrors, die keine Erwähnung finden. 

Es grenzt an ein Wunder, dass die Bilder unter anderem gerade an jenem Tag aufgenommen wurde, an dem Lilly nach Auschwitz deportiert wurde. Sie fand nicht nur sich selbst auf den Fotos, sondern auch Familie und Freunde - ahnungslos auf den sicheren Tod wartend.


 

Das Album selbst umfasst insgesamt 193 Fotografien auf 56 Kartonseiten und trägt den unauffälligen Titel "Aussiedlung der Juden aus Ungarn". Geschossen wurden die Aufnahmen Ende Mai oder Anfang Juni 1944 von Ernst Hofmann oder Bernhard Walter; zwei SS-Männer, die die Aufgabe hatten, Passfotos und Fingerabdrücke von den Gefangenen zu machen. Niemals aber von jenen, die direkt in die Gaskammern geschickt wurden. Der Zweck des Albums ist bis heute unklar. Vermutet wird, dass es für eine höhere Behörde angelegt wurde, Propagandazwecken sollte es wohl nicht dienen.

Die Fotos zeigen den gesamten Ablauf, von der Ankunft ungarischer Juden aus der Karpato-Ukraine, über deren Ausbeutung, die von SS-Ärzten und Aufsehern durchgeführte Selektion bis zum Weg ins Vernichtungslager.

Juden werden auf der "Rampe" der Selektion unterzogen. Im Hintergrund der berühmt-berüchtigte Eingang ins Lager. © Yad Vashem

Viele der Fotos wurden auf der Rampe in Auschwitz-Birkenau aufgenommen, anschließend wird die Selektionsprozedur gezeigt: Wer für "arbeitstauglich" befunden wurde, wurde ins Lager geschickt und dort registriert, entlaust und einer Baracke zugewiesen. Alle übrigen wurden sofort in den Tod geschickt.

Häftlinge, die als "arbeitsunfähig" eingestuft wurden, warten in einem kleinen Waldstück außerhalb von Krematorium IV, bevor sie vergast werden. © Yad Vashem

Das System der Nazis lebte dabei von der Täuschung. Die Häftlinge wurden in Sicherheit gewiegt und unter dem Vorwand einer harmlosen Dusche vergast. Aus Angst vor Hysterie wurden etwa Mütter von ihren Kindern nicht getrennt, sondern mit ihnen in die Gaskammer geschickt. Ihre Familien würden sie bald wiedersehen, ihre Habe würden sie nach einer Dusche wiederbekommen. Die überwältigende Mehrheit der Todgeweihten ahnte nicht, welches Schicksal sie erwarten würde. Nur wer bereits eine Weile im KZ überlebt hatte, wusste, weshalb die Schornsteine unaufhörlich Rauch und Asche spuckten.



 
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Auschwitz als Tabu: Österreich und der Opfermythos

International gilt Auschwitz als Symbol für den Holocaust bzw. die Shoa. In Österreich aber war das Thema lange tabu.

Österreich hatte reichlich Mühe, die einmarschierten Alliierten als Befreier anzusehen, die Aufarbeitung begann schleppend. Schweigen statt Erinnern, alte Bahnen statt neue Wegen. Als "Erstes Opfer des Nationalsozialismus" präsentierte sich Österreich dabei jahrzehntelang nicht nur in der Gedenkstätte in Auschwitz. "Stunde Null", Verdrängung statt Aufarbeitung - den Opfern des Nationalsozialismus wollte sich deshalb lange niemand errinnern. Jene Opfer, die den NS-Terror überlebt hatten, waren indes gezwungen, mit selbsternannten Opfern um Wiedergutmachung zu verhandeln. Und die Täter? Die blieben ausgeblendet. 

Mangel an Forschung in der Kritik

Historiker kritisieren, dass es an einer auf österreichische Fragen fokussierten Auschwitz-Forschung immer noch mangelt. So ist unklar ist, wie viele Österreicher überhaupt in Auschwitz ermordet worden sind. In den Sterbebüchern von Auschwitz sind nur etwas mehr als 1.000 Österreicher verzeichnet. Die meisten der Opfer wurden aber nach ihrer Ankunft direkt in die Gaskammer getrieben, ohne dass sie namentlich erfasst wurden.

Schätzungsweise 11.000 Opfer aus Österreich

Direkten Transport gab es nur einen von hier aus in das Vernichtungslager: Am 17. Juli 1942 wurden rund 1.000 Menschen aus Wien nach Auschwitz transportiert. Die meisten Opfer aus Österreich wurden aber von anderen Ghettos und Lagern nach Auschwitz gebracht oder aus den von Deutschland besetzen Ländern Europas in das Vernichtungslager deportiert. Allein aus Theresienstadt im heutigen Tschechien wurden mehr als 4.100 Österreicher nach Auschwitz gebracht. Hunderte, die nach dem Anschluss 1938 ins europäische Ausland geflüchtet waren, wurden im Zuge der Besetzungen im Kriegsverlauf mit der dortigen jüdischen Bevölkerung aus Frankreich, Italien, Ungarn oder den Niederlanden nach Auschwitz deportiert. Im Dezember 1942 wurden auf Befehl Heinrich Himmlers rund 2.900 Roma und Sinti aus Österreich nach Auschwitz gebracht. Es wird geschätzt, dass insgesamt über 11.000 Österreich in Auschwitz ihren Tod fanden, das sind ein Sechstel aller österreichischen Holocaust-Opfer.

Die überwiegende Mehrzahl der in Auschwitz ums Leben gekommenen Österreicher waren Juden, die zweitgrößte Opfergruppe waren Roma und Sinti. Nur sehr wenige Österreicher waren aus politischen Gründen in Auschwitz inhaftiert. Einige davon, wie die Kommunisten Hermann Langbein und Josef Meisel, spielten eine wichtige Rolle im Häftlingswiderstand in der "Kampfgruppe Auschwitz". Unter den Häftlingen befanden sich die österreichische Musikerin Alma Rose, die 1944 starb, oder die Schriftsellerin Ruth Klüger, die als Kind Auschwitz überlebte.

Auschwitz-Täter aus der Alpenrepublik

Auch auf der Täterseite waren mehrere Österreicher in Auschwitz, dazu zählen unter anderem Maria Mandl, die als SS-Lagerführerin tätig war oder der Wiener Maximilian Grabner, der als Leiter der politischen Abteilung des Lagers als ranghöchster österreichischer Täter im KZ Auschwitz gilt. Beide wurden hingerichtet. Daneben waren zahlreiche Österreicher als Wachmänner tätig. 

Auschwitz: In Österreich lange ein Tabu

Nach Kriegsende war das Thema lange tabu. Selbst der große Auschwitz-Prozess in Frankfurt 1962-65 wurde kaum wahrgenommen. Bis in die 1950er Jahre wurde Auschwitz in der Öffentlichkeit als Ort des Leidens der politisch Verfolgten und des Widerstandes von Österreichern thematisiert, auch weil die 1958 ins Leben gerufene Lagergemeinschaft Auschwitz deutlich unter kommunistischem Einfluss stand. Die Juden als größte Gruppe der Opfer von Auschwitz standen nicht im Mittelpunkt. Sie wurden unter dem Sammelbegriff "Opfer politischer Verfolgung" eingeordnet.

Erst Anfang der 1960er Jahre - ausgelöst durch den Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem - wurde Auschwitz in der Öffentlichkeit zu einem Thema und bald darauf auch bereits zum Synonym für NS-Verbrechen. Die NS-Vergangenheit blieb aber umstritten. Als erster österreichischer Politiker besuchte Vizekanzler Bruno Pittermann 1962 Auschwitz.

Die Justiz und ihr schonender Umgang mit NS-Tätern

Auch die gerichtliche Aufarbeitung der Verbrechen in Auschwitz wurde in Österreich wenig intensiv betrieben. In zwei Prozessen wurden 1972 sowohl die Architekten der Gaskammern und Krematorien in Auschwitz-Birkenau, Walter Dejaco und Fritz Ertl, als auch die beiden SS-Unterscharführer und Angehörige der Wachmannschaft des KZ Auschwitz, Otto Graf und Franz Wunsch, freigesprochen. Weitere Verfahren führten zu milden Urteilen, Freisprüchen oder wurden eingestellt.

Österreich, das "Erste Opfer des Nationalsozialismus" 

Auch in der Gedenkstätte Auschwitz selbst, wo jedes Land, aus dem Menschen hier ermordet wurden, in einer der Häftlingsbaracken des Stammlagers eine nationale Ausstellung einrichten konnte, dauerte es lange, bis Österreich diesem Angebot nachkam. 1978 - zum 40. Jahrestag des Anschlusses - wurde im Block 17 des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau die österreichische Gedenkstätte eröffnet. In der Ausstellung, die jahrzehntelang unverändert blieb, präsentierte sich Österreich als "Erstes Opfer des Nationalsozialismus". Auf einem riesigen Bild im Eingangsbereich marschieren Soldatenstiefel über die rot-weiß-rote Karte Österreichs.

"Dieses Geschichtsbild entspricht nicht mehr..."

Trotz vielfacher Kritik wurde erst 2005, als zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz zahlreiche Staats- und Regierungschefs in der Gedenkstätte erwartet wurden, als Übergangslösung ein Banner mit einem vom Außenministerium akkordierten Text angebracht. "Dieses Geschichtsbild entspricht nicht mehr dem historischen Selbstverständnis des heutigen Österreich," hieß es darauf. 2013 wurden die Schautafeln abmontiert und die Neugestaltung der Ausstellung ausgeschrieben. Im Vorjahr wurde das Team um den Kurator Hannes Sulzenbacher und den wissenschaftlichen Leiter Albert Lichtblau mit dem Projekt beauftragt. Mit der Eröffnung wird 2017 gerechnet.

 

Dünnes Eis der Aufklärung

Die Quellen des Holocaust haben in der Gesellschaft überlebt, so Werner Bundschuh. Der Obmann der Johann-August-Malin-Gesellschaft und Mitarbeiter von erinnern.at will Auschwitz nicht isoliert betrachten: "Die zentrale Frage ist, welche gesellschaftliche Zustände haben zu Auschwitz geführt". Er sieht die Ursachen des Holocaust auch heutzutage noch in der Gesellschaft verhaftet, das "Eis der Aufklärung, auf dem wir uns bewegen", sei sehr dünn. Warum heute mehr denn noch vor wenigen Jahren, erläutert der Historiker im Interview:

 


 
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"Bei der Befreiung wog ich nur mehr 34 Kilo"

Walter Fantl-Brumlik ist einer der wenigen Menschen, die das Vernichtungslager Auschwitz überlebt haben. "Das Überleben in Auschwitz war reine Glückssache", erzählt der heute in Wien lebende 90-Jährige. Als einziger seiner Familie hat er überlebt, bei der Befreiung wog er nur mehr 37 Kilo.

Er holt einen Gürtel aus dem Kasten und zeigt die vielen Löcher, die er in dem halben Jahr in Auschwitz in das Leder gebohrt hat, um ihn immer enger zu schnallen. "Der Gürtel ist das einzige, das ich von Wien nach Auschwitz mitgenommen habe und wieder zurück." Deshalb hat er ihn auch nie gegen etwas zu essen eingetauscht, obwohl ihm die Kapos des Lagers viel Brot dafür gegeben hätten. "Ich wollte ihn nicht verlieren, das war wie ein Aberglaube." Alles andere sei ihm bei der Ankunft in Auschwitz weggenommen worden.

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Seine gesamte Familie hat Fantl in Auschwitz verloren. Sein Vater wurde vor seinen Augen bei der Ankunft von Theresienstadt in Auschwitz vom SS-Arzt Joseph Mengele in die Gaskammer geschickt. "Auf der Rampe wurden wir aussortiert, mein Vater wurde nach rechts und ich nach links geschickt, aber ich hatte keine Ahnung was das bedeutet, deshalb hab ich auch gefragt, ob ich nicht mit meinem Vater gehen könnte."

Erst später habe ein anderer Häftling auf die Frage, was mit seinem Vater passiert sei, mit dem Finger nach oben gezeigt und gemeint, der sei im Himmel. Auch Fantls Mutter starb in der Gaskammer in Auschwitz, seine Schwester starb im KZ Bergen-Belsen an Typhus.

Er selbst wurde ins Nebenlager Gleiwitz I gebracht, wo er für die deutsche Reichsbahn arbeiten musste. "Die Arbeit war sehr schwer, der Kommandant war ein richtiger Sadist", erzählt er. Als gelernter Schlosser habe er aber im Reichsbahnwerk wenigstens nicht im Freien arbeiten müssen.

"Auf der Rampe wurden wir aussortiert, mein Vater wurde nach rechts und ich nach links geschickt, aber ich hatte keine Ahnung was das bedeutet, deshalb hab ich auch gefragt, ob ich nicht mit meinem Vater gehen könnte."

Walter Fantl-Brumlik

Jeden Tag mussten die Häftlinge vom Lager zur Reichsbahn marschieren, "dabei gab es jeden Tag Tote zu beklagen", erzählt er. "Die SS-Männer, die uns begleitet haben, haben oft so Spielchen gemacht, oft haben sie einem Häftling die Kappe vom Kopf gerissen und über den Sperrbereich geworfen, das war wie ein Todesurteil." Denn jeder musste eine Häftlingskappe haben, um ins Lager zurückzukehren. "Wenn man die Kappe geholt hat, haben sie ihn abgeknallt - auf der Flucht erschossen."

 

Die Toten wurden dann ausgestellt, und die Häftlinge mussten an ihnen vorbeigehen. Wie man das alles aushält? "Man hat dort keine Gefühle gehabt, das war wie ein Fieber, völlig abgestumpft wurde man", meint Fantl.

"Der Mensch hält viel aus, aber es war alles reine Glückssache das Überleben"

Walter Fantl-Brumlik

Am Samstag und Sonntag mussten die Häftlinge zur Schikane Steine vom nahegelegenen Steinbruch ins Lager und wieder zurücktragen. "Der Mensch hält viel aus, aber es war alles reine Glückssache das Überleben", wiederholt Fantl immer wieder. Ihn selbst gerettet habe, dass ein deutscher Meister, der bei der Reichsbahn als Oberaufseher arbeitete, ihm jede Woche zwei oder dreimal Essen gebracht habe. "Er hat das Essen mit dem Schweißapparat aufgewärmt und in dem Bremshäusel auf einem Waggon konnte ich das heimlich essen, solche Menschen hat es auch gegeben."

Den Tag der Befreiung Ende Jänner 1945 hat der damals 20-Jährige im Außenlager Blechhammer erlebt. Die russischen Truppen befreiten und verpflegten die wenigen völlig ausgehungerten Überlebenden. Glücklicherweise hielt sie ein älterer Freund von Fantl davon ab, zu viel zu essen. "Der hat uns das Essen eingeteilt, damit wir nicht zu viel essen." Denn viele starben noch nach der Befreiung, weil ihre Körper das Essen nach jahrelangem Hungern nicht mehr vertrugen.

Zunächst fuhr Fantl nach Theresienstadt, wo er seine Mutter und Schwester 1944 das letzte Mal gesehen hatte, und erfuhr erst dann von ihrem Tod. Die Rückkehr nach Wien war schwierig, erzählt er. "Es war sehr schwierig, so ganz alleine dazustehen, nur mit einem Sakko, einer Hose und sonst nix."

Das Haus seiner Eltern in Bischofstetten, wo er bis zum Anschluss 1938 eine unbeschwerte Kindheit verbracht hatte, bekam er restituiert, verkaufte es aber. "Es war mir nicht möglich, dort im Ort weiter zu wohnen, wir waren die einzigen Juden dort." Obwohl er sich nicht erinnern konnte, dass er in dem kleinen Ort angestänkert worden wäre.

Nach Auschwitz ist der fast 91-Jährige, der immer noch die tätowierte Häftlingsnummer B-11521 am Unterarm hat, seither nie mehr gefahren. 

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"Das hat mir meine Frau verboten, und es war recht so", erzählt er. Es hat eine Zeit lang gedauert, bis er über das erlebte Grauen sprechen konnte, in den vergangenen Jahrzehnten führte er aber als Zeitzeuge zahlreiche Gespräche mit Schülern und Historikern. Das sei wichtig: "Es gibt ja auch nicht mehr viele Zeitzeugen, die davon erzählen können."